Robotertod

Robotertod -

oder ”Ein Besuch im Forschungszentrum”

Vor längerer Zeit gab es eine Ausstellung der technischen Universität und da ist uns, oder genauer gesagt Kayla, etwas sehr Peinliches passiert. Wir hatten von der Ausstellung unterwegs zufällig durch Plakate erfahren, die an Laternenmaste gebunden waren. Wir sagten uns, halt das ist ja heute und der Eintritt war kostenlos, Zeit hatten wir auch genug, also sollte man sich diese Ausstellung mal kurz ansehen. Das war alles recht interessant, wenngleich teils auch etwas unterkühlt präsentiert. Die Atmosphäre, die dort herrschte, war sehr sachlich nüchtern. U.a. wurde eine Abteilung präsentiert, die sich mit der Konstruktion von selbstlernenden Robotern beschäftigt. Dort standen mehrere Exemplare von Robotern im typischen Menschen-Design, ich nenne das mal so, also die so aussehen, wie man sich früher den typischen Roboter vorstellte, halt ähnlich wie ein Mensch aufgebaut. Einer dieser Blechkameraden stand gleich am Eingang des Themenbereiches und war so programmiert, dass er jeden, der zur Tür eintrat, freundlich begrüßte und dann mit seiner Arm- und Handmechanik eine Broschüre von einem Stapel nahm und diese dem Besucher reichte. Das war ja ganz witzig und so erhielten auch wir eine Broschüre, die kurz die Tätigkeitsfelder dieser Abteilung erläuterte. Uns fiel sogleich auf, dass dieser Empfangsroboter den Kopf total schief hielt und das ständig. Kayla meinte, das sieht aus, als ob der einen steifen Nacken hätte, wie ein Mensch, der in einen kalten Durchzug geraten ist und sich dabei die Nackenmuskulatur verspannt hat. Das wirkte wirklich sehr komisch. Ein paar Meter weiter stand ein weiterer Begrüßungsroboter ähnlicher Bauart, der einem die Hand reichte und dem man sozusagen die Hand schütteln konnte, wie es der Roboter auch selbst mit einer blechern klingenden Stimme verkündete. So dachte sich Kayla, wenn man diesem Roboter die Hand reichen kann, dann ist es auch sicher erlaubt, dem ersten Roboter den Kopf gerade zu rücken, weil das wirklich total bescheuert aussah, wie der mit seinem schiefen Kopf da stand. So ließ Kayla es sich nicht nehmen, dem ersten Roboter vorsichtig mit dem Zeigefinger von der linken Seite her den Kopf in gerade Richtung zu drücken. Ein kurzes Stück ging das auch, aber dann begann etwas im Hals des Roboters zu surren und zu brummen worauf der Kopf mechanisch bewegt wurde. Das wiederum führte dazu, dass sich die Kopfhalterung total auskugelte und der ganze Roboterkopf nach hinten runter fiel. Selbst einige Drähte vermochten den relativ schweren Kopf, der teils aus einer Konstruktion aus Metallstreben mit 4 Kameras als Augen drauf bestand, nicht zu halten. Als der Kopf nach hinten runter stürzte, rissen diese Drahtverbindungen offensichtlich an 2 Steckern auseinander und mit Getöse polterte der Kopf auf eine Holztafel des Podestes auf dem das ganze Ding stand. Das Oberteil des Kopfes, sozusagen die Schädeldecke, bestand aus einer Blech-Halbkugel, ungefähr wie ein alter Blech-Motorradhelm, wodurch das Ding am Boden noch ein Stück weiter kullerte und dann wippend am Boden „auseierte". Zum Glück waren wir in diesem Moment die Einzigen in dem Raum und diskret wanderten wir schnell rüber zu anderen Ausstellungsstücken, so als hätten wir mit alledem überhaupt nichts zu tun. Sie kennen unser Glück in solchen Sachen, denn damit war das Thema noch längst nicht ausgestanden. Während wir vielleicht 6 Meter weiter an einem Stand mit einer sogenannten Haus-Fernsteuerung staunend standen, ging die Eingangstüre auf und weitere Besucher traten ein. Diese hätten ja nun von dem jetzt kopflosen Roboter begrüßt werden müssen und dann ebenfalls eine solche Broschüre von dem Stapel gereicht bekommen sollen. Durch den Verlust seines Kopfes und damit auch der 4 Kameraaugen, die diese Abläufe wohl irgendwie steuerten, wurde der Roboter nach Eintritt der Leute zwar vermutlich durch einen Türkontakt eingeschaltet, war aber seiner gesteuerten Motorik beraubt, tat dann einen Schritt auf diese Leute zu, ließ seinen Begrüßungstext noch ablaufen, tat einen weiteren Schritt auf diese Leute zu, was dann aber ein Schritt zu viel war, denn dort endete das Podest und der ganze Roboter stürzte von dem Podest runter in Richtung der Leute, die daraufhin sehr erschraken. Ja, man könnte schon sagen, der kopflose Roboter stürzte sich regelrecht auf die Leute. Ein Getöse sondergleichen entstand, die Leute schrieen übertrieben, als trachte jemand ihnen nach dem Leben und der Roboter lag rasselnd am Boden, wobei ein Bein immer automatisch angewinkelt und wieder gestreckt wurde, was aber keine Wirkung brachte, außer dass der Roboter dadurch wippte. Besonders eine Frau in dieser Besuchergruppe schrie wie am Spieß und rastete völlig aus. Gut, man muss sich vorstellen, dieser Roboter hatte in etwa die Größe eines erwachsenen Menschen. Vor dem „Unfall" war er mit Kopf schätzungsweise 1,70 m groß und diese Frau hatte sicher, wie die andern, nicht damit gerechnet, dass der elektrische Kerl so „entgegenkommend" ist und fast auf die fällt. Erschrocken hatten sich die anderen zwar auch, aber danach doch gleich erkannt, dass es sich wohl um einen harmlosen Vorfall handelte, der durch eine Panne bedingt ist. Diese Frau unterdessen begriff das wohl nicht, war mit der Situation total überfordert und schrie weiter wie am Spieß. Von dem Getöse und dem Geschrei war dann ein Mitarbeiter der Uni aufmerksam geworden, der sich zuvor in einem Nebenraum befand und eilte herbei. Der bemühte sich um die Frau und wollte die beruhigen, die wollte sich aber partout nicht beruhigen und schrie dann noch mehr. Kurze Zeit später eilten weitere Beschäftigte der Uni sowie ein Rettungssanitäter herbei. Man kann sagen, dass ein regelrechtes Tohuwabohu entstand. Es wurde ein Arzt gerufen und man versuchte die Frau in einen Sanitätsraum im Flur zu bringen, wogegen die sich aber heftigst wehrte. In der Zwischenzeit befragte ein Angestellter die anderen Leute wie es denn zu dem Umsturz des Roboters gekommen sei. So erklärten auch wir, wie das alles genau abgelaufen war. Der Beschäftigte fand es zwar nicht unbedingt gut, dass Kayla in Eigenregie versucht hatte, dem Roboter den Schädel gerade zu rücken, da aber auch nirgendwo ein Hinweis darauf stand, dass man diese Blechkameraden nicht anfassen darf und auch weil der zweite Elektromensch durch seinen Handschüttelservice geradezu aufs Anfassen drängte, gab es daran letztendlich nichts zu beanstanden. Er kam zu dem Schluss, dass eben dieser Roboter wohl einen Defekt hatte, da sich wohl schon vorher aus seiner Kopfhalterung etwas ausgekugelt hatte, denn sonst hätte der nicht mit einem solch schrägen Kopf dagestanden. Somit war das ein Schaden in voller Eigenverantwortung der Uni. Die Frau schrie noch immer. Der Arzt traf ein und wollte ihr eine Beruhigungsspritze setzen, jedoch das wehrte sie kräftig ab und schrie noch lauter. Der Arzt meinte dann nur noch: „Tut mir leid, aber alles andere hilft da nicht." Dann gab er ihr eine ordentliche Backpfeife, wie man so sagt, also einen Schlag mit der flachen Hand an die Backe, dass es nur so klatschte und schlagartig war die Frau ruhig. Wie frisch erwacht meinte die Frau dann nur in nüchtern-sachlichem Ton, da sei wohl ein Roboter kaputt. Der noch immer am Boden liegende und mit dem Unterbein wippende Roboter wurde dann von einem Beschäftigten am Rücken irgendwie abgeschaltet und der war immerhin so schwer, dass die 2 Beschäftigte brauchten, um den mit viel Anstrengung wieder aufzurichten. Im Nachhinein könnte man sagen, solche Erlebnisse sind der Stoff, aus dem Anekdoten gemacht werden und alleine schon wegen dieser Sache hat sich die Teilnahme an der Besichtigung gelohnt.